Antizyklische Geldpolitik

Unter antizyklischer Geldpolitik versteht man eine geldpolitische Strategie, die mit zins- oder geldmengenpolitischen Impulsen den Konjunkturzyklus glätten will, um Rezessionen oder ein heißlaufen der Wirtschaft zu verhindern.

In einer Konjunkturschwäche muss sie anregend (expansiv) auf die Wirtschaft wirken und in einem Boom bremsend (restriktiv). Dazu muss die Zentralbank in Zeiten schwacher Konjunktur die Zinsen senken und sie bei starker konjunktureller Dynamik erhöhen. Die veränderten Zinsen wirken über die verschiedenen Kanäle der Geldpolitik auf die Wirtschaft ein.

Allerdings treten ihre Effekte sehr verzögert auf. Daher muss eine antizyklische Geldpolitik vorausschauend agieren. Sie darf die Zinsen nicht erst dann senken, wenn die Wirtschaftslage sich bereits verschlechtert hat und sie sollte sie erhöhen, bevor der Boom beginnt. Daher muss sie nicht nur auf aktuelle Daten sowie Geschehenisse Bezug nehmen, sondern auch auf Prognosen der Wirtschaftsentwicklung. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Maßnahmen zu spät wirken und ihr Ziel verfehlen.

Auch muss eine antizyklische Geldpolitik berücksichtigen, dass die Wirkungen der Zinspolitik mit hoher Wahrscheinlichkeit asymmetrisch ausfallen – eine Anhebung der Zinsen bremst die Wirtschaft, nämlich stärker als eine Zinssenkung um exakt den gleichen Prozentsatz sie stimulieren würde:

Durch Zinserhöhungen entstehen für die Unternehmen höhere Opportunitätskosten bei der Finanzierung ihrer Investitionsprojekte. Darauf wird sofort reagiert. Bei einer schlechten Wirtschaftslage haben niedrige Zinsen hingegen einen schwächeren Effekt, denn obwohl die Finanzierungsbedingungen nun günstiger sind, fallen die Erwartungen der Unternehmen aufgrund der allgemeinen Situation negativer aus, dies stellt ein massives Aufschwunghindernis dar.

Anders als noch in den frühen 1970er-Jahren zählt die Stabilisierung der Konjunktur durch eine antizyklische Geldpolitik nicht mehr zu den ausdrücklichen Zielen der Zentralbanken. Lediglich das Federal Reserve System (Fed) in den USA hat immer noch diese Aufgabe. Bei den meisten übrigen Zentralbanken, darunter auch die Europäische Zentralbank (EZB) besteht das geldpolitische Ziel darin, Preisstabilität zu erreichen, indem eine maximale Inflationsrate vorgegeben wird.

Laut Vertrag von Maastricht ist dies sogar das vorrangige Ziel der EZB, während die Stabilisierung der Konjunktur als Aufgabe einer antizyklischen Wirtschaftspolitik in der Eurozone derzeit nur geringe Priorität genießt. Dies änderte sich erst unter dem Einfluss der dramatischen Finanzkrise im Jahr 2008, als auch die EZB explizit die Konjunktur stützte.



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