Soziale Kompetenz und sozial kompetentes Verhalten

Umfassende Definitionen vereinigen beide Aspekte. Die soziale Kompetenz eines Menschen ermöglicht demnach einen Kompromiss zwischen den Ansprüchen, die die soziale Umwelt an den Einzelnen stellt und seinen eigenen Interessen, die es auch in sozialen Kontexten zu verwirklichen gilt.




In diesem Zusammenhang ist es hilfreich zwischen den Kompetenzen eines Menschen und einem kompetenten Verhalten zu differenzieren (Ford, 1985). Die sozialen Kompetenzen liegen im Verborgenen und wirken im Sinne eines Potenzials auf das Verhalten in konkreten Situationen. Verdeutlichen wir uns diesen Sachverhalt einmal anhand eines einfachen Beispiels aus einem völlig anderen Forschungsbereich. Intellektuelle Hochbegabung – in der Regel definiert als ein Intelligenzquotient von mehr 130 Punkten – bildet die Grundlage für außergewöhnliche Leistungen in Schule oder Studium. Dennoch wird ein Mensch, der hoch begabt ist, keineswegs immer intellektuelle Spitzenleistungen erbringen.

Oftmals finden sich sogar in der Haupt- oder Realschule weit überdurchschnittlich intelligente Kinder, die nur durchschnittliche Schulleistungen erbringen. Die Intelligenz bildet das Potenzial für intellektuelle Leistungen, das jedoch nicht in jeder Situation optimal entfaltet werden kann. Ähnlich verhält es sich mit der sozialen Kompetenz. Ein Mensch, der über eine hohe soziale Kompetenz verfügt – also z. B. in der Lage wäre, einen Streit unter Kollegen in wenigen Minuten zur Zufriedenheit aller beizulegen – wird dieses Potenzial nicht in jeder beliebigen Situation auch voll zum Einsatz bringen können.

Mitunter gelingt es ihm also nicht, einen Streit zu schlichten oder mehr noch, er trägt selbst vielleicht zur Eskalation der Situation bei. Bedenken wir dies, so kommen wir vor dem Hintergrund der genannten Überlegungen zu den folgenden Definitionen (Kanning, 2002b).

Sozial kompetentes Verhalten = Verhalten einer Person, das in einer spezifischen Situation dazu beiträgt, die eigenen Ziele zu verwirklichen, wobei gleichzeitig die soziale Akzeptanz des Verhaltens gewahrt wird.

Soziale Kompetenz = Gesamtheit des Wissens, der Fähigkeiten und Fertigkeiten einer Person, welche die Qualität eigenen Sozialverhaltens – im Sinne der Definition sozial kompetenten Verhaltens – fördert.



Sozial kompetentes Verhalten findet immer in konkreten Situationen, z. B. im Gespräch mit einem Kunden, einer Auseinandersetzung mit Kollegen oder bei der Präsentation einer Projektarbeit vor dem Vorstand statt. Wir bezeichnen das Verhalten als sozial kompetent, wenn der Handelnde in der Situation einerseits eigene Ziele verwirklichen kann und dabei andererseits eine Akzeptanz des Verhaltens im sozialen Kontext bewährleistet ist. Im Falle des Kundengespräches besteht sein Ziel beispielsweise darin, dem Kunden ein bestimmtes Produkt zu verkaufen.

Gelingt ihm die Umsetzung dieses Vorhabens, so können wir noch nicht von einem sozial kompetenten Verhalten sprechen, denn es stellt sich erst einmal die Frage, inwieweit er zur Erreichung seines Zieles sozial akzeptierte Mittel eingesetzt hat. Sozial akzeptiert wäre z. B. der Austausch von Argumenten, während ein Belügen oder gar eine Bedrohung des Kunden wohl kaum zu akzeptieren wäre. An diesem Beispiel werden drei Prinzipien der Definition sozial kompetenten Verhaltens deutlich (Kanning, 2002b):

1) Das Verhalten kann erst dann als mehr oder weniger kompetent bezeichnet werden, wenn wir es in einen Bezug zur sozialen Umgebung setzen (sozialer Bezugspunkt). Ein und dasselbe Verhalten kann in Abhängigkeit vom gewählten Bezugspunkt als kompetent oder als inkompetent gelten. Ist der Mitarbeiter in unserem Beispiel in einem zwielichtigen Unternehmen beschäftigt, so wird hier man auch ein Belügen des Kunden akzeptieren. Wählt man als sozialen Bezugspunkt hingegen den Kunden selbst, so muss das Belügen wohl als inakzeptabel und damit als inkompetent gelten.

2) Die Definition sozial kompetenten Verhaltens ist niemals frei von Werten (evaluativer Bezugspunkt). Wenn wir den Begriff der sozialen Kompetenz verwenden, dann beschreiben wir nicht einfach ein Verhalten, sondern bringen zum Ausdruck, dass es sich um etwas Positives handelt (Faix & Laier, 1991). Eine solche Bewertung kann vor dem Hintergrund sehr unterschiedlicherWertesysteme entstehen, was wiederum zur Folge hat, dass ein und dasselbe Verhalten als mehr oder weniger sozial kompetent bewertet werden kann. In unserem Beispiel wählen die Vertreter des zwielichtigen Unternehmens offensichtlich ein anderes Wertsystem als der Kunde selbst. DieWahl desWertesystems ist jedoch nicht an einen bestimmten sozialen Bezugspunkt gebunden. So könnte der Kunde durchaus auch ein unehrliches Verhalten seines Gegenübers akzeptiert, wenn er Verkaufsgespräche beispielsweise als eine Art sportlichen Wettstreit betrachtet, bei dem der geschicktestes Taktierer zu Recht gewinnt.




3) Die Definition sozial kompetenten Verhaltens bezieht sich immer nur auf einen bestimmten Zeitabschnitt (temporaler Bezugspunkt). Nehmen wir die Bewertung nur im Hinblick auf den Abschluss des Kundengespräches vor, so interessiert uns ausschließlich, ob das Produkt unter Einsatz akzeptierter Mittel verkauft wurde. Neben dem kurzfristigen Ziel, das Produkt zu verkaufen, besitzt das Unternehmen aber auch langfristige Ziele. Erkennt der Kunde nach einigen Wochen, dass er belogen wurde und verklagt daraufhin das Unternehmen, so können derartige Ziele verletzt werden. Möglicherweise wird das Image des Unternehmens so weit geschädigt, dass sich viele potenzielle Kunden zurückziehen. Ein kurzfristig betrachtet kompetentes Verhalten des Mitarbeiters erscheint somit in der langfristigen Perspektive als inkompetent.

Jedes Unternehmen, das zum Zwecke der Personalauswahl oder -entwicklung mit dem Konzept der sozialen Kompetenz arbeitet, muss für sich selbst die genannten Bezugspunkte definieren. Das sozial kompetente Verhalten gibt es ebenso wenig, wie den ultimativen Mitarbeiter der unabhängig von allen Rahmenbedingungen in jedem Unternehmen und auf jeder beliebigen Position maximal erfolgreich wäre. Daher kommt man nicht umhin, für einen bestimmten Arbeitsplatz bzw. eine berufliche Aufgabe ganz konkret zu definieren, was in diesem Fall sozial kompetentes Verhalten bedeutet. Sozial kompetentes Verhalten ist immer kontextabhängig zu definieren.

In unterschiedlichen Situationen erscheint unterschiedliches Verhalten angemessen und damit auch mehr oder minder sozial kompetent. Die Basis des Sozialverhaltens liefern die soziale Kompetenz. Sie wird situationsübergreifend definiert. Abbildung 2 verdeutlicht diesen Zusammenhang. Bei der sozialen Kompetenz handelt es sich genau genommen nicht um eine singuläre Eigenschaft sondern vielmehr um ein ganzes Bündel von Kompetenzen. Daher ist es auch üblich, statt von sozialer Kompetenz, von sozialen Kompetenzen zu sprechen.

Sie umfassen Bestandteile des Wissens sowie Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Menschen. Das sozial relevante Wissen bezieht sich keineswegs nur auf eine einzelne Situation, sondern ist viel weitreichender. So weiß z. B. ein Personalberater, der zum ersten Mal ein neues Unternehmen besucht, dass es nicht angemessen wäre, dem Personalchef auf die Schulter zu klopfen oder ihn gar zu küssen. Selbst dann, wenn er durch seinen ersten Besuch firmenspezifisches Wissen erwirbt (Namen und Funktionen der Gesprächspartner, Einschätzung ihrer Persönlichkeit etc.), so handelt es sich auch in diesem Fall um situationsübergreifendes Wissen. Es besitzt auch dann noch Gültigkeit, wenn der Berater die Firma verlässt und vielleicht in einer Woche zurückkehrt.

Das Wissen bezieht sich sowohl auf Fakten als auch auf Prozesse. Fähigkeiten sind per Definition als abstrakte Verhaltenspotenziale eines Menschen zu verstehen, die situationsübergreifend bestehen (vgl. Kanning 2004). Man denke in diesem Zusammenhang beispielsweise an rhetorische Fähigkeiten, eine grundsätzliche Teamorientierung oder an die Durchsetzungsfähigkeit eines Menschen. Sie versetzen den Mitarbeiter in die Lage unterschiedlichste Aufgaben zu bewältigen.

Fertigkeiten sind demgegenüber weniger abstrakte, erlernte Verhaltenspotenziale. Hierzu zählen z. B. Begrüßungs- oder Höflichkeitsrituale. Auch sie beziehen sich nicht auf eine einzelne Situation, die nie mehr wiederkehrt, sondern wirken zumindest für eine Klasse von Situationen, also z. B. für viele Begrüßungszeremonien an unterschiedlichen Orten, zu verschiedenen Zeiten und mit immer wieder anderen Menschen.

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